Kalenderblatt für den 21. November


Seidenweber

Lyon war im Jahre 1831 die Heimatstadt sehr vieler Seidenweber. Und am 21. November des Jahres revoltierten sie. Gegen schlechte Bezahlung, Verarmung, gegen Betrug bei der Preisgestaltung und überhaupt.

Kalenderblatt Bild21. November – Kalenderkunde
Leineweber am Handwebstuhl, Vincent van Gogh

Die Geschichte hat ihren Anfang im Jahr 1536. Étienne Turquet, ein gewiefter Kaufmann, stellte fest, dass Stoffe aus Italien teuer waren und dennoch gefragt. Frankreich hatte damals ein sog. Handelsdefizit in beträchtlicher Höhe, d.h. es wurde weit mehr importiert als exportiert.

Die Lösung war einfach. Turquet bat den König um ein Erlaubnisschreiben, selbst Seide zu produzieren. Und in seiner Heimatstadt Lyon warb er um die Idee, indem er damit die Armut bekämpfen wollte. Arbeitsplätze waren auch damals das Zugpferd schlechthin, wenn es um Genehmigungen und Subventionen ging. Tatsächlich schaffte man eine Menge an Webstühlen an, besorgte Spezialisten und setzte die Unterschicht als Arbeiter ein. Die Seidenweber, Canuts genannt, bildeten sich ordentlich was auf ihr Können ein und wohnten in einem eigenen Viertel. Lyon wuchs.

Über die Zeit stellte sich echter Erfolg ein. Viel Arbeit, wertvolle Seide und der König verkündete daraufhin ein Lyoner Seidenmonopol. Was bedeutete, dass die französischen Adligen gefälligst auch in Frankreich einzukaufen hatten.
Um die Größenordnung darzustellen, es ging nicht um ein paar verträumte Ballen, im Jahr 1830 hatte Lyon ca. 160.000 Einwohner, wovon 30.000 irgendwie mit der Seidenweberei zu tun hatten. Und Frankreich deckte rund ein Drittel seines Exporterlöses mit Seide ab.

Wenn man so viel Rückendeckung bei der Obrigkeit hat und dazu noch ein Monopol, ja da kann man schon mal gierig werden und die Löhne sinken lassen. Denn durch die steigende Menge an Ware sank der Preis tatsächlich. Allerdings deutlich weniger als die Löhne. Dazu kam noch der Tod der kleinen Heimwerkstätten, denn Fabrikbesitzer bauten moderne, mechanische Webstühle und stellten weniger Leute zu weniger Lohn ein. Industriealisierung nennt man das.

Im Oktober 1831 verlangten die Weber einen Mindestlohn. Diverse Kollegen waren deutlich über den Hals verschuldet und es gelang kaum, die Familie zu ernähren. Daher gab es aufgrund des lauten Murrens so etwas wie eine Tarifverhandlung. Aber die erzielte Einigung wurde von den meisten Unternehmern schlicht ignoriert.

Und da war der Punkt erreich. Vom 21. November ab sollte es einen einwöchigen Streik geben. Die Weber versammelten sich und nötigten noch arbeitende Kollegen, mitzumachen. Man stellte Barrikaden auf, die Obrigkeit rasselte mit dem Säbel und das hätte noch glimpflich abgehen können. Bis irgend ein Idiot in die Menge der Protestler schoss. Ab da eskalierte die Situation und es wurde immer gewaltsamer. Auf dem Höhepunkt des tagelangen Wirbels an Ereignissen wollte man gar eine eigene Republik ausrufen. Das Rathaus wurde besetzt, es gab ca. 800 Tote und einen Haufen ausgeschlagener Zähne. Die Armee rückte ein und der Aufstand wurde gewaltsam beendet. 10.000 Arbeiter wurden vertrieben.

Es gab in den folgenden Jahren noch einen zweiten und dritten Aufstand. Jeweils gewaltsam und blutig beendet. Die Canuts hatten für sich nichts erreicht. Aber die moderne Welt hatte daraus gelernt. Arbeiter weltweit entwickelten aus diesem Beispiel eine neu Sicht der Dinge und organisierten sich zusehends.

Wenn man so will, war der Aufstand der Seidenweber vom 21. November 1831 der Beginn des modernen Arbeitskampfes.

 


 
















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